Kerbeverein Faulbach seit 1870 e.V.

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Buddeln für die Tradition


Vereinsgründung: Faulbacher wollen Ansehen der Kerb verbessern - Seit 140 Jahren in der Südspessartgemeinde

Faulbach. 300 Mal wollen sie die das Kerbelied singen und drei Tage nicht im eigenen Bett nächtigen. Das geloben die Faulbacher Kerbesäue jedes Jahr aufs Neue. Ob es alle durchhalten,ist schwer zu sagen,aber sie tun alles dafür. Jetzt haben sie sogar einen Verein gegründet.

Die Idee schwirrt schon lange durch Faulbach. Ehemalige Kerbeburschen schlugen die Vereinsgründung vor, wollten selbst aber keine Ämter übernehmen. Für Andre´ Weis und Dominik Zöller war sofort klar, dass sie sich engagieren wollen. "Wenn man einmal mitgemacht hat, kommt man da nicht mehr raus",sagt Andre´ Weis und lacht. Der 22-Jährige zählt mit seinen sieben Kerbejahren zu den Erfahrensten und wurde bei der Gründungsversammlung Anfang Januar im Sportheim des SV Faulbach prompt zum Vorsitzenden gewählt.

Seit mindestens 140 Jahren wird in der Südspessartgemeinde die Kerb gefeiert. Das belegt die Keuze,eine Art Rucksack aus Holz. Sie ist ein Familienerbstück, auf deren Rückseite die Zahl 1870 eingeritzt ist. In ihr tragen die Burschen seit jeher den Bloatz (Kuchen) am Kerbewochenende. "Die Keuze ist Pflicht", sagt Andre´ Weis.

Sein Vater Burkhard erinnert sich noch gut an seine Zeit als Kerbebursch. Es gab Karusells und Autoscooter, einmal wurde sogar eine Reithalle aufgebaut. "So wie früher kriegen wir es nicht mehr hin", ist sich Andre´ Weis sicher. "Aber wir wollen die Tradition erhalten und versuchen, dass die Kerb wieder an Ansehen gewinnt."

Der Trend geht allerdings in die andere Richtung. Ende der 1990er gab es sogar ein Jahr, in dem nichts zustande kam. "2003 waren wir gerade mal zu fünft". Der Vorsitzende setzt auf den Verein: "Wir hoffen,dass jetzt wieder mehr Jungs mitmachen." Die Euphorie ist groß. Auch Bürgermeister Walter Weiner ist Mitglied der ersten Stunde. Seine Unterstützung bestätigt die Kerbeburschen. 60 Faulbacher sind dem Verein inzwischen beigetreten. Allerdings soll das noch nicht das Ende sein. In den Verein darf grundsätzlich jeder. Voraussetzung für das Dasein als Kerbebursch ist der Abschluss der neunten Klasse. Wer heiratet, scheidet aus. Für verheiratete Männer gibt es alle fünf Jahre die Ultrakerb. Auch 2010 dürfen sie wieder dabei sein.

Und Mädels? Im Verein werden sie geduldet. Aber das Interesse halte sich in Grenzen, sagt Dominik Zöller und schmunzelt. Die beiden Kerbeburschen verstehen es. Denn "Kerbemädels" gibt es in Faulbach nicht. So will es die Tradition. Die schreibt übrigens auch das Outfit vor: weißes Hemd, rotes Tuch und ein kleines Schürzle. Und natürlich die blauweiße Fahne, die war auch immer dabei.

Das Besondere an der Kerb? Für den 21-jährigen Dominik Zöller ist es vor allem der Zusammenhalt zwischen den Jugendlichen. In diesem Jahr ist es am 11.September so weit. An diesem Wochenende feiern die Burschen 140 Jahre Faulbacher Kerb. Am Samstag geht es gemeinsam in den Wald, wo sie den passenden Baum auswählen, fällen und schälen. Die Burschen tragen ihn zum Kerbeloch und stellen ihn auf.

Der Sonntag steht ganz im Zeichen der "Kerb", eines mit Weißwein gefüllten Holzfasses, das es zu finden gilt. Bewaffnet mit zahlreich "Klumpp" (Werkzeug) schwärmen die Burschen aus und buddeln an einigen Stellen. Der selbst gezeichnete Plan wird auf den Boden gelegt, mit dem Fernrohr wird das Ziel anvisiert und schließlich mit "Habe" (Harke) aus der Erde geschaufelt.

Ist die Kerb geborgen, geht es mit dem Fundstück wieder durch die Straßen - mit einem kurzen Zwischenstopp an der Kirche, wo die älteren Burschen die Frischlinge mit Weißwein taufen.

Früher war es "Standard, dass sich zahlreiche Jungs beteiligten", so der Vorsitzende. Das belegen die alten Kerbebücher, in denen die Sitzungen protokoliert wurden - zumindest tragen sich alle Anwesenden ein. Unter 1997 stehen stolze 63 Kerbesäue. Beeindruckt und etwas neidisch blättert Andre´ Weis durch das vergilbte Buch: "Wenn wir diese Zahl mal wieder zusammenbekommen würden", sagt er, "das wäre ein Traum."


Quelle - Bote vom Untermain,Samstag den 23.Januar 2010 - Text Anja Adrian

Mit allerlei "Klumpp" der Kerb auf der Spur


Faulbacher suchen und buddeln Jahr für Jahr nach einem Holzfass - Frischlinge werden an der Kirche mit Weißwein getauft - Faulbacher Kerb - feuchtfröhlich und derb. Einmal im Jahr läuft in Faulbach alles etwas anders. Da grölen junge Burschen zu Blasmusik, da schwingen gestandene Kerle Hand in Hand im Dreivierteltakt das Tanzbein. Nein, der Südspessart leidet keineswegs an Frauenmangel. Aber zur Kerb, da bleiben die Burschen eben lieber unter sich - sagen sie. Die Musiker der Faulbacher Kapelle werden ungeduldig. Es ist bereits halb zwei an diesem Sonntagmittag, als krakeelende Männerstimmen in der Ferne die Kerbeburschen ankündigen. Gerade noch pünktlich. Ein Mann schwingt die weiß-blaue Fahne, für die Melodie sorgen Schifferklavier und Gitarre. In blauer Jeans und weißem Hemd kommen die Kerbeburschen die Speckspitze entlang marschiert. Erkennungszeichen: weißes Bedienungsschürzchen und rotes Halstuch.

Wirklich frisch wirken sie nicht mehr.Die meisten von ihnen haben eine durchzechte Nacht und Frühschoppen hinter sich Die Stimme von »Obersau« Fabian Reinlein hat ziemlich gelitten. »Wem is die Kerb?« krächzt er so laut es geht. »Unser!« schreien knapp 60 Männer. Beim zweiten »Wem is die Kerb?« haben sich die Stimmbänder wieder etwas gefangen. »Unser!« Und damit auch der Rest noch gelingt, wird die Kehle kurz mit Wein befeuchtet: »Vom Nawwel bis zum?« Seine Jungs wissen Bescheid: »Brunser!«

Noch ein Gruppenfoto am Kerbbaum, dann setzt sich der Pulk in Bewegung. Seit mindestens 140 Jahren wird in der Südspessartgemeinde die Kerb gefeiert. Das belegt die »Keuze«, eine Art Rucksack aus Holz. Sie ist ein Familienerbstück, auf dessen Rückseite die Zahl 1870 eingeritzt ist. 2010 wird die Kerb erstmals von einem eingetragenen Verein veranstaltet. Den haben André Weis und Dominik Zöller Anfang des Jahres gegründet. Sie wollen dafür sorgen, dass die Kerb wieder an Ansehen gewinnt. Inzwischen sind dem Verein 82 Faulbacher beigetreten. Die stattliche Anzahl an Burschen zeigt, dass sich das Engagement gelohnt hat. Voraussetzung für das Dasein als Kerbebursch ist der Abschluss der neunten Klasse. Wer heiratet, scheidet aus.

Dass an diesem Sonntag fast 60 Mann durch die Straßen ziehen, liegt auch an der »Ultrakerb«: Denn alle fünf Jahre dürfen die »Ausgeschiedenen« mal wieder mitfeiern. Die Burschen sind bewaffnet mit allerlei »Klumpp« (Werkzeug). In Reih und Glied wanken sie die Hauptstraße entlang, durch das Rathaustor, plötzlich ein dumpfer Schrei. Eine Handvoll Burschen stürmt los, an der Schlange vorbei. Zwei werfen sich aufs Pflaster, einer von ihnen visiert mit dem Fernrohr das Ziel an. Grund für die Aufregung ist die rote Markierung auf dem selbst gezeichneten Plan. Hier könnte die Kerbe vergraben sein. Mit der »Habe« (Harke) graben die Jungs den Vorgarten um, nichts zu finden. Also geht es weiter. An fünf weiteren Kreuzen kommt der Zug vorbei.

Eine halbe Stunde lang wiederholen sie dieses Schauspiel, bis die Suche auf einer Wiese im Weinweg ein Ende hat. Hier liegt es begraben, das mit Weißwein gefüllte Holzfass. Auf die Trage gehievt, darf die Obersau es besteigen, um die Kerbrede zu halten. »Da die Kerb der Inhalt unseres Lebens ist, haben wir uns am heutigen Jubilä-ä-ä-umstag hier eingefunden, diese wieder aus der Grabesgruft zu befreien«, schmettert Fabian Reinlein mit rauer Stimme. »Heiß geliebte, langersehnte und mit uns immer verbundene Kerb!« Auf dem Holzfass eine Rede schwingen - eine wacklige Angelegenheit für die Obersau. Die Burschen, die für seine Sicherheit sorgen, müssen nach wenigen Minuten etwas fester zupacken. Aber mit zwei starken Händen am Gürtel kann nichts mehr passieren.

Zahlreiche Faulbacher beobachten das Schauspiel. Für sie gibt es »Bloatz« (Kuchen) aus der Keuze und den ein oder anderen Schluck Weißwein bekommen sie auch ab. Schließlich zieht die Karawane weiter, das Fundstück im Gepäck. Schunkelnd geht es in Richtung Kirche. Stolze elf Frischlinge gibt es in diesem Jahr zu taufen. »Als ich das erste mal dabei war, waren wir gerade mal zu zweit«, erinnert sich André Weis. Zwei Mann schnappen den ersten Frischling an Beinen und Armen - mit dem Kopf unter das Weinfass und schon sprudelt der Rebensaft - mitten ins Gesicht. Nach und nach dringt ein Ex-Frischling nach dem anderen aus dem Männerpulk wieder nach draußen. Sie ringen nach Luft, husten, reiben sich die Augen, blasen sich Nase und Ohren aus. »Das putzt durch!« Sie sind tropfnass, aber glücklich - jetzt gehören sie dazu.

Und die Mädels? Die beobachten die Prozedur aus sicherer Entfernung. Frauen sind zwar im Verein geduldet, mit den Kerbfeierlichkeiten haben sie aber nicht wirklich viel zu tun. Schließlich heißt es im Kerbgedicht: »Und führe uns nicht in Versuchung nach Hause zu gehen, sondern erlöse uns von den Weibern und schicke diese nach Hause. « An der Kerb stehen die Burschen eben ganz ihren Mann. Sie geloben, 300 Mal am Tag das Kerbelied zu singen und drei Tage lang nicht im eigenen Bett zu nächtigen - so ganz ohne das weibliche Geschlecht funktioniert die Kerb dann wohl doch wieder nicht.


Quelle - Bote vom Untermain,Freitag den 17.September 2010 - Text Anja Mayer

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